Nach langem Vorlauf gestern endlich gestartet, doch statt der Welle der Begeisterung schwappt ein kritischer Tsunami über das ambitionierte, wegweisende und – für die Organisatoren – nervenaufreibende Projekt „Apps Für Deutschland“.
Die Idee ist so bekannt wie alt und dennoch notwendig: Daten offenlegen, am besten verbunden mit einem „Bang“, um Anbieter, Entwickler, Nutzer mit einem Schlag auf Notwendigkeit, Machbarkeit und Nutzwert von offenen Daten aufmerksam zu machen. Obama hats vorgemacht, Brown auch … und nun eben, nun ja, Friedrich: mit einer lange ersehnten Top-Down Ansage sollen alle Stakeholder animiert werden, sich mit dem Thema konstruktiv und produktiv auseinanderzusetzen. Anders als bei Barack und Gordon ist es aber hierzulande (aus … Gründen) nicht möglich, einfach mal zu sagen „Dann gebt die Daten halt frei“. Vielmehr haben hier viele Akteure (wie z.B. das Open Data Network) lange dicke Bretter gebohrt, und mit dem Apps-Wettbewerb nun ein kleines Loch geschaffen.
Dicke Bretter, kleine Löcher
Der Wettbewerb ist gerade bei den treibenden Kräften wie z.B. Daniel Dietrich (der sich gleich in zwei Vereinen des Themas angenommen hat) ein lang gehegtes Ziel gewesen, natürlich angelehnt und inspiriert vom großen Vorbild „Apps 4 Democracy“. Als ich das erste Mal mit Daniel über diese Idee sprach waren wir mitten im deutschen Obama-Wahlkampf, und wir hatten gerade die erste Version der Deutschland-API rausgebracht. Das sind mal locker 2 Jahre.
In der Zwischenzeit haben sich diverse Vereine um das Thema geschart, die z.T. um die selbe begrenzte Aufmerksamkeit buhlen – in diesem Fall aber zusammen einen Wettbewerb auf die Beine gestellt haben, der v.a. durch die Einbindung und Unterstützung des BMI eine „unter der Haube“ spürbare Wirkung erzeugt. Aus verschiedensten Ecken wird nach Lizenz-Formaten gefragt, technische Hilfestellung erbeten oder per E-Mail ein Zeichen von „Na endlich“ gesendet.
Alles erhoffte und überraschende Auswirkungen, die mit viel Nervenkraft der Akteure erarbeitet wurde. Dabei ist der Wettbewerb offiziell gerade erst gestartet.
Tsunami und Sonnenschein
Aber nun ist er da - hochkarätige Besetzung, sowohl in der Jury als auch bei der Eröffnungszeremonie. Aber statt einer Welle der Begeisterung, die durch die Entwickler-, Blog-, Politik-Gemeinde rollt bahnt sich ein Tsunami der Kritik durch die Onliner-Welt. Kein großer Knall, sondern eine konstante Strömung. „Feigenblatt“, “„Preisgelder zu gering“, „Vereinnahmung“, „Lieblos“ sind nicht etwa Fazit sondern Aufhänger der Meinungs-Haber.
Was mit dem Wissen über die Entstehungsgeschichte nicht nur erstaunt, sondern ärgert.
Das Feigenblatt kann man vermuten ob des Schirmherrs - dabei hieß der Amtsinhaber zu Beginn der Planung noch ganz anders. Zudem sich das BMI hinter den Kulissen sehr aktiv zeigt: unterstützend und aufklärend an die „eigenen Leute“ gerichtet. Kann man ob der Wirkung sicher trotzdem kritisieren, aber man kann sich auch mal schlau machen.
Die zu geringen Preisgelder sind ein ganz anderes Thema, was sicher kritikwürdig ist. Aber die drei gemeinnützigen Vereine, die ehrenamtlich die Organisation übernehmen, können sich kein Geld herbei-coden. Und auch hier ist sicher der Blick auf den Entstehungsprozess und die teils hanebüchenen Absagen potenzieller Sponsoren heilsam. Quintessenz: das Interesse „der Wirtschaft“, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen ist wohl eher gering – oder es mangelt an Verständnis. Dass die aktuellen Sponsoren überhaupt da sind ist mehr ein Ergebnis persönlicher Beziehung (danke Stefan und Thomas), und daher doch eher zu loben.
Beim Thema Vereinnahmung wird es dann aber doch ideologisch. Bzw. realitätsfern, bedenkt man - wieder - die Hintergründe des Wettbewerbs und den Status Quo in der Zielgruppe Verwaltung. Der Wettbewerb wurde initiiert von den Trägervereinen, wird von diesen durchgeführt und wurde über Monate vorangetrieben. Den konkreten Verdacht von Konstantin kann ja vielleicht sein Mit-Autor ausräumen, der aktives Mitglied min. im Open Data Network ist. Oder – spätestens jetzt – für noch mehr Unterstützung sorgen, um die Eigenständigkeit zu bewahren.
Dann kann es vielleicht auch beim nächsten Wettbewerb nicht so lieblos aussehen. Dicke Bretter, s.o., werden sicher nicht schneller durchbohrt, wenn man ein paar tolle Glanzeffekte auf den Bohrer klebt. Vielmehr scheint die Vorannahme zu stimmen, dass es beim Thema „Offene Daten“ weniger an Entwicklern und Ideen denn an … Daten mangelt. Und hier muss der Wurm dann doch zuerst dem Angler (sprich: der Verwaltung) schmecken. Das ist weniger flashy, dafür aber ein stückweit seriöser und massenkompatibler. Aber auch hier ist konstruktive Mitwirkung gerne gesehen … trotzdem Danke für den incoming link.
Der frühe Vogel …
Wie auch immer, nun können wir alle an Apps Für Deutschland arbeiten, coden, offenlegen, entwickeln und gestalten. Und das mit offiziellem Logo, was in die eine Richtung wirkt - sowie mit zivilgesellschaftlicher Unterstützung, was in die andere Richtung funktioniert. Darum hier mal ein Dank an die Ideengeber, Mit-Organisatoren und alle, die sich im Zuge des Wettbewerbs spätestens des Themas annehmen.
Und hoffentlich kriegen die anderen auch noch die Kurve von der geübten Kritik zum Blick auf diese Chance.
Kommentare
Jens Best – 15. November 2011
Klas Roggenkamp – 15. November 2011
Jens,
Du bist herzlich eingeladen, Deinen Teil zur Wahrnehmung und zum Gelingen des Wettbewerbs beizutragen. Die Eröffnung fand sicher nicht am publikumswirksamsten Ort statt, trotzdem waren genau die anwesend, die eher der „Missionierung“ bedürfen - nämlich Verwaltung.
Und wie schon ausführlich geschrieben wirkt der Wettbewerb aktuell v.a. auch bei denen, die sich bisher am schwersten mit Offenen Daten tun - mit dem Wettbewerb aber nun einen Anlass haben, ihre Daten, Lizenzen und die Veröffentlichung zu hinterfragen und offener zu machen.
Der Datenkatalog des Wettbewerbs füllt sich, und zwar in hoher Geschwindigkeit.
Aber weder Open Data Network noch die anderen Träger sind „pseudo-zivilgesellschaftliche Gruppen“ - sonst wärst Du ja auch nicht Mitglied.
Insofern kann man ja immer mäkeln, dass es nicht „perfekt“ ist für manche. Aber man kann auch pragmatisch sein und sich freuen, dass der stete Tropfen so langsam den Stein usw …
Jens Best – 15. November 2011
@Klas
Meine Hinweis auf die Pseudo-Zivilgesellschaft bezog sich auch nicht auf die tragenden Vereine von Apps4Deutschland. Vielmehr ging es mir um die üblichen Teilnehmer der umrahmenden Veranstaltung - eben eine geschlossene Fachmesse.
Das entspricht eben dem Bürgerverständnis der aktuellen Regierung: Der Bürger wird rausgehalten, und irgendwann darf er davon erfahren. Da der Bürger aber mit all den neuen Geschenken nicht gelernt hat umzugehen, wird es erstmal dauern, bis diese netten offenen Staatsgaben angenommen werden.
Deswegen wird man schnell sagen, wie wenig der Bürger doch erfreut wäre über die netten Open Data Geschenke, die man ihm gemacht habe. Und das man es dann auch lassen könne, wenn das keinen interessiere.
Die gleiche Masche fahren die konservativen Kreise ja gerade bei ihrer Torpedierung ebenso junger Online-Partizipationsverfahren. Es geht um Bändigung nicht Emanzipation. Quasi Befähigung an der Leine etwas größere Kreise laufen zu dürfen. Aber bloß nicht mehr.
DAS es bei Partizipation ebenso wie bei Transparenz aber um kulturell zu erlernende Werkzeuge des gemeinschaftlichen Lebens geht; Die Vermittlung der Nutzungs-Fähigkeit also notwendiger Bestandteil eines Programmes sein muss (und nicht einfach nur das Hinwerfen einiger halboffener Datensätze) ist allen klar, die verstanden haben, dass der digitale Wandel ein sozialer Wandel ist (wie Stefan das ja auch in seiner Rede zum Start sagt).
Aber auch die, die den digitalen Wandel ob seiner Transparenz-schaffenden Qualität NICHT begrüssen, wissen dies und setzen hier die Bremse an, um die zarten Pflanzen der Offenheit schlechtreden zu können. Wer aktuell Herrn Eisler von der KAS lauscht, weiss wovon ich rede.
Bei aller zu begrüssenden Entideologisierung des bürgerschaftlichen Engagements sollten wir uns dennoch nicht in die eigene Tasche lügen, dass es auch bei den uns so liebgewonnenen digitalen Wandlungsprozessen um die Frage geht, wer über wen mit welcher Legitimation und Wirkkraft Macht haben wird.
Das sich hier Wirtschaft (und ihre politischen Lakaien) und Demokratie in einem aktuell ungleichen Spiel befinden, sollte durch die "Finanzkrise" auch dem Letzten bewusst geworden sein.
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